Landtagswahlen Herbst 2026: die besten Kampagnen
Von Detlef Flintz
22.8.2026 (zuletzt aktualisiert am 21.9.2026 mit den Wahlergebnissen für Berlin und Mecklenburg-Vorpommern). Welche Partei hat einen richtig starken Kampagnen-Slogan? Wer bringt seine Inhalte klug unters Volk? Und welcher Spitzenkandidat performt am besten? Hier sind die Antworten für Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin: Top-Auftritte, interessante Ansätze - und Beispiele, wie man es besser nicht macht. Immer gibt es Links zu den Originalquellen. Danach siehst du klarer.

1. Der beste Kampagnen-Slogan
Worauf kommt es an? Der Slogan ist (sehr) kurz, er macht neugierig, weckt konkrete Assoziationen und Emotionen. So ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich viele angesprochen fühlen, mehr wissen wollen oder den Slogan weitererzählen. Unter ihm ist all das subsumiert, für das du stehst und kämpfst - nicht kleinteilig, sondern maximal griffig.

Am überzeugendsten: „Berlin bezahlbar machen“ Drei Worte können so viel sagen - wenn es die richtigen sind. Die Linke zeigt, wie's geht: „Bezahlbares Berlin“ - da fangen viele sofort an zu erzählen, wo es hapert:
Mieten, ÖPNV-Kosten, Kita undsoweiter. Betroffenheit und Emotionen sind garantiert. Jetzt zum dritten Wort des Slogans: „machen“. Es besagt nichts anderes als: Wir, die Berliner Linke, lösen dein Problem. Perfekt.
Ergebnis Zweitstimmen: Die Linke wird mit fast sieben Prozentpunkten Vorsprung Wahlsiegerin - plus 13,4 Prozentpunkte auf 25,7 Prozent..
Auch gut: “Heimat ist für alle da." Kommt von den Linken in Sachsen-Anhalt. "Heimat", das kann Vieles bedeuten: Herkunft, die eigenen vier Wände, die örtliche Gemeinschaft, aber auch ein durch Dritte bedrohtes Umfeld: In allen Fällen ist der Begriff relevant und emotional besetzt. Das weiß auch die AfD. Doch die Linke dreht den Spieß um und gibt mit dem Zusatz „für alle“ das politische Versprechen einer offenen Gesellschaft. Clever.

Ergebnis Zweitstimmen: Die Linke erreicht 8,6% der Zweitstimmen. Mit 2,4 Punkten weniger gegenüber 2021 hat sich der Abwärtstrend fortgesetzt. Allerdings kandidierte das BSW zum ersten Mal und kam auf 5,3 Prozent.

Nicht zu empfehlen: “Klare Kante Grün." Kommt von den Grünen in Mecklenburg-Vorpommern und hat gleich zwei große Schwächen:
Erstens bietet "klare Kante" kein Alleinstellungsmerkmal, sondern ist unter Parteien beliebig austauschbar. Zweitens ist der Spruch eine Binse, weil er für nichts Anderes als ehrlich, profiliert und durchsetzungsstark steht. Und das sollte man bei einer Partei als eigenen Anspruch zwingend erwarten. Wer es extra erwähnt, hat es wohl bitter nötig.
Ergebnis Zweitstimmen: Die Grünen verlieren 0,6 Prozentpunkte auf 5,7 Prozent. Schaffen es aber wieder in den Landtag, was im Vorfeld nicht sicher war.
2. Das beste Konzept
Worauf kommt es an? Nicht minder wichtig als Inhalte - und um die geht es in diesem Text ja nicht - ist deren Vermittlung: leicht zugänglich sollen sie sein sowie kurz, klar und konkret. Das erhöht die Chance, die Inhalte nach der Wahl auch umzusetzen. Und lege dich möglichst oft fest. Das macht glaubwürdiger. Denn wer "nichts versprechen" will, kann später an nichts gemessen werden. Die Leute durchschauen das.

Am überzeugendsten: “Berlin-Versprechen" der SPD. Spitzenmann Steffen Krach macht es der AfD Mecklenburg-Vorpommern nach und gibt sich die populären 100 Tage, für elf Maßnahmen. Manche sind ganz konkret wie das Deutschland-Ticket umsonst im Ehrenamt, andere wie die Erhöhung der Studienplätze für Medizin sollten genauer sein. Pluspunkt: Leicht auf der Website zu finden und zu lesen.
Nicht so doll ist die Vermarktung des Berlin-Versprechens auf Social Media. Gut ist wiederum die kompakte Zusammenfassung des Plans für die gesamte Legislatur als "Standpunkte" auf der Website.
Ergebnis Zweitstimmen: Die SPD verliert 6,3 Prozentpunkte auf 12,1 Prozent. Belastet wurde die Schlussphase des Wahlkampfs durch die Bekanntgabe staatsanwaltlicher Ermittlungen gegen den Spitzenkandidaten.

Auch gut: “9 Punkte - Verbindlich für einen Politikwechsel“. Sprachlich ist die CDU Mecklenburg-Vorpommern da schon etwas umständlicher und die Vermarktung ist nicht so prominent. Dafür sind die Ziele vorbildlich genau beschrieben:
100 neue Medizin-Studienplätze, 50 neue Stellen bei Staatsanwaltschaften und Gerichten usw. Noch besser wäre das Ganze mit einer zeitlichen Festlegung.
Ergebnis Zweitstimmen: Die CDU fällt von 13,3 Prozent auf 4,9 Prozent - und ist damit im Landtag nicht vertreten.
Nicht zu empfehlen: "Wir sind der Deich." Meint: SPD wählen, damit die AfD in Sachsen-Anhalt nicht an die Macht kommt. Aber warum ausgerechnet SPD? Wer das herausfinden will, muss dreimal scrollen, dreimal klicken und landet dann - beim Parteiprogramm. Auf der Website nur als Download, über 30 Seiten, Präambel inklusive.

Ergebnis Zweitstimmen: Die SPD erreicht 9,3 Prozent. Das sind 0,9 Punkte mehr als 2021 - dennoch das zweitschlechteste Ergebnis aller Zeiten.
3. Die beste Performance
Worauf kommt es an? Eine gute Performance ist Langstrecke. Du musst eine Erzählung von dir schaffen: Was ist dein großes Ziel? Wie willst du es erreichen? Was für ein Typ bist du? Und: Kann man dir vertrauen? Sei also nie umständlich, sondern klar und konkret. Verstehe, wie wichtig Emotionen sind - noch mehr allerdings: Glaubwürdigkeit und das nötige "Format", um ein ganzes Land zu führen. Du hast eine klare Social-Media-Strategie und weißt, was eine gute Story für die Presse ist. Nur so erreichst du Massen; konzentriere dich also nicht zu sehr auf den Straßenwahlkampf.

Heimatgefühl pur auf Instagram - zum Bedauern der jüdischen Simson-Erben.
Am überzeugendsten: Ulrich Siegmund. Die Erzählung des AfD-Spitzenkandidaten für Sachsen-Anhalt: "Holen wir uns...endlich unser altes Land, die guten alten Zeiten, zurück!" Das ist auch seine Anfangsbotschaft auf Tiktok - Deutlichkeit ist immer gut. Überhaupt bedient Siegmund seine Erzählung mit großer Hartnäckigkeit. So tourt er mit seinen Anhängern auf ostdeutschen Simson-Kultmopeds durchs Land. Botschaft: Die gute alte Zeit ist greifbar - mit der AfD! Der Mann hat ein gutes Gespür für Situationen und Stimmungen, er ist nahbar, locker und schlagfertig, im "wahren Leben" wie auf Social Media - wo er Massen erreicht, wie niemand anders in diesem Wahlkampf.
Allerdings ist der Umgang mit Sachfragen manchmal arg locker. Etwa die Bedeutung von Tierschutz für die AfD:
Im vom Grundsatz her guten Frage-Antwort-Format auf Social Media genügt Siegmund hier der Verweis auf die beiden Katzen in seinem Rücken. Da fühlt man sich schnell nicht ernst genommen. Auch seine Unterstellung, vor allem links oder grün denkende Pflegekräfte würden die Briefwahl in Altenheimen manipulieren, mag in der eigenen Blase gut ankommen - im gesamten Berufsstand aber vermutlich eher nicht. Die Frage, die Siegmund so unnötigerweise aufwirft: Ist er nur der Typ Sprücheklopfer oder ein Mann mit dem Format ein Land zu führen?
Schwierigkeiten hatte Siegmund auch im MDR-Duell vom 26.8. mit der konfliktiven Strategie seines Kontrahenten Sven Schulze von der CDU. Statt Souveränität auszustrahlen, reagierte er oft eher hektisch und hatte kein Rezept gegen die zahlreichen Unterbrechungen durch Schulze. Ob diese Strategie sich für Schulze auszahlen wird, steht freilich auf einem anderen Blatt.
Ergebnis Zweitstimmen: 43,8 Prozent gegenüber 20,8 Prozent 2021 - mehr als eine Verdoppelung.

Rente ist keine Landespolitik, trifft aber den Nerv. Grund genug für Wahlkampf auf instagram.
Auch gut: Manuela Schwesig. Ihre Erzählung ist ähnlich klar: "Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern zuerst." Dabei verläuft die wichtigste Konfliktlinie der SPD-Spitzenkandidatin nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen Land und Bund. Das jüngste Rentenpaket von CDU und SPD in Berlin? Wird nicht hinter vorgehaltener Hand bedauert, sondern sofort im Wahlkampf kritisiert - während bei der CDU im Osten noch Schockstarre herrscht. Anderes Beispiel: Michael Kretschmer, ihr CDU-Pendant in Sachsen, ist mehr Verbündeter als politischer Gegner. Beider Tenor beispielsweise im "Ost-Talk" ostdeutscher Tageszeitungen: Wir kennen den Alltag der Menschen hier und wissen was, sie brauchen - besser als die in Berlin. Überhaupt stellt Schwesig immer wieder Alltagsthemen nach vorne:
etwa die besondere Bedeutung hoher Spritpreise in einem Flächenstaat oder die Probleme bei Unterhaltszahlungen für Alleinerziehende. Eher wenig Raum bekommt konkrete Landespolitik. So muss man auf Social Media länger scrollen, bis man etwa was zum Bau von Studentenwohnheimen oder zu Fahrkostenzuschüssen für junge Leute erfährt.
Ergebnis Zweitstimmen: Nach desaströsen Umfragewerten Monate vor der Wahl erreicht die SPD am Ende 35,5 Prozent (minus 4,1 Prozentpunkte). Damit dürfte Manuela Schwesig trotz des Wahlsiegs der AfD Ministerpräsidentin bleiben.
Unterm Radar: Simone Oldenburg. Auch wenn man mit einer Website keine Massen mobilisiert - sie ist eine Art gute Stube der Kommunikation: aufgeräumt und so eingerichtet, dass man gerne ein bisschen länger bleibt. Bei Simone Oldenburg, Spitzenfrau für die Linke in Mecklenburg-Vorpommern, wurde jedoch offenbar länger nicht gelüftet; die "neueste Meldung" datiert aus 2021. Nun gibt es unter dem Dach der Landespartei noch einen aktuelleren Auftritt, doch auch dort bekommen Interessierte kein klares Bild von dem, was die Linke und ihre Spitzenfrau vorben. Social Media? Ist in erster Linie eine Sammlung von Terminankündigungen. Und in die Presse schafft man es auch eher selten. Eine Erzählung, wie sie Ulrich Siegmund oder Manuela Schwesig kreiert haben? Nicht zu erkennen. Es bleibt der Eindruck, dass man vor allem auf den allgemeinen Trend setzt und auf den Wahlkampf vor Ort, zu der auch Prominenz aus Berlin kommt. Der ist ohne Frage wichtig für die Selbstvergewisserung der Basis und kann Unentschlossene zu Linke-Fans machen. Doch dass am Wahltag viele im Land was über Simone Oldenburg erzählen können, ist nicht zu erwarten.

Erster Treffer nach der Sucheingabe "simone oldenburg linke Website" auf Google.
Ergebnis Zweitstimmen: Die Linke verliert 3,4 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent. Zu berücksichtigen ist, dass erstmals das BSW antrat (4,8 Prozent).

Ich heiße Detlef Flintz. Nach vielen Jahren in der ARD arbeite ich heute als politischer Berater. Mehr
Darf man die AfD so "hochjazzen"?
Die Partei sät Hass. Ist Zufluchtsort für Feinde unserer Verfassung. Und verspricht ein Retro-Paradies, das es laut Klima- und Wirtschaftsforschern nicht geben kann. Soll man also die AfD in jeder Hinsicht schlecht finden? Das wäre ein Fehler. Denn Eines kann sie richtig gut: den Umgang mit Wählerinnen und Wählern.
Mein Rat: Guck dir davon was ab. Etwa:
Dauerbrenner-Themen: Illegal im Land lebende Menschen oder der Rundfunkbeitrag treffen den Nerv der AfD-Klientel. Also greift sie die Punkte immer wieder auf. Langweilig wird das nicht - zumal nicht alles alle erreicht. Natürlich brauchst du andere Themen mit Dauerbrenner-Qualität. Hast du nicht? Dann ist das Teil deines Problems!
Konkrete Ziele prominent verkauft: Ob Genderverbot in Schulen oder Taser für die Polizei - die AfD (hier Mecklenburg-Vorpommern) sagt meist genau, was sie vorhat - und man muss es nicht im Kleingedruckten suchen.
Social Media professionell bespielen: Heißt, Menschen zu bewegen und berühren - statt umständlichen Geredes. Überhaupt: Auf dem ersten Bild beziehungsweise in der ersten Sekunde muss klar sein, um was es geht. Die AfD ist nicht nur so stark, weil sie Tiktok zuerst entdeckt hat, sondern weil sie die Regeln bessere als andere beherrscht. Vergleiche mal folgende beiden ersten Sätze, auf Tiktok aufgeschnappt am 22.8.: "Warum müssen wir klimaneutrales Kochen im Senegal finanzieren?" Und: "Über sieben Brücken musst du NICHT gehen." Was kommt wohl von wem? Auflösung in den Quellenangaben.
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Quellennachweise
„Berlin bezahlbar machen“:
https://dielinke.berlin/start/
„Heimat ist für alle da“:
https://www.dielinke-sachsen-anhalt.de/aktuell-1/
„Klare Kante…“:
„Berlin-Versprechen“:
https://spd.berlin/steffen-krach/berlin-versprechen/
SPD Berin: „Standpunkte“:
https://spd.berlin/standpunkte/
CDU Mecklenburg-Vorpommern: 9-Punkte-Plan:
https://cdu-mv.de/mvorne-verbindlich-fuer-einen-politikwechsel/
„Wir sind der Deich“:
Ulrich Siegmund auf Tiktok und instagram:
https://www.tiktok.com/@mutzurwahrheit90/video/7512848204136860950?lang=de-DE
https://www.instagram.com/p/DbTvm8KRV1f/?hl=de
https://www.instagram.com/p/DbsowSIN47B/?hl=de
https://www.instagram.com/p/DcGKwVTtUss/?hl=de
MDR-Duell zwischen Ulrich Siegmund und Sven Schulze:
Manuela Schwesig auf instagram:
https://www.instagram.com/p/Dbcv6n6DtEN/?hl=de&img_index=1
„Ost-Talk“:
Auftritte von Simone Oldenburg und Die Linke Mecklenburg-Vorpommern:
https://www.simone-oldenburg.de/politik/aktuelles/
https://www.die-linke-mv.de/startseite/
https://www.instagram.com/simone.oldenburg/?hl=de
100-Tage-Programm der AfD Sachsen-Anhalt:
https://afd-lsa.de/wp-content/uploads/2026/07/100-Tage-Sofortprogramm.pdf
100-Tage-Programm der AfD Mecklenburg-Vorpommern:
https://afd-mv.de/wp-content/uploads/2026/05/100-Tage-8-seitig-Flyer-FINAL.pdf
„Klimaneutrales Kochen im Senegal“:
https://www.tiktok.com/@leiferikholm/video/7387455133459778849
„…sieben Brücken…“:
https://www.tiktok.com/@sven_schulze/photo/7676811804130938145
Zu den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern:
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt26/erg_land.html?v=1788714883258
https://www.wahlen-berlin.de/wahlen/BE2026/Afspraes/agh/index.html