Landtagswahlkampf Herbst 26: Analyse

Landtagswahlen Herbst 2026: die besten Kampagnen

Von Detlef Flintz

 

22.8.2026. Welche Partei hat einen richtig starken Kampagnen-Slogan? Wer bringt seine Inhalte klug unters Volk? Und welcher Spitzenkandidat performt am besten? Hier sind die Antworten für Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin: Top-Auftritte, interessante Ansätze - und Beispiele, wie man es besser nicht macht. Immer gibt es Links zu den Originalquellen. Danach siehst du klarer. Garantiert.

 

Umrisse von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin auf weiß beige eingefärbt

1. Der beste Kampagnen-Slogan

Worauf kommt es an? Der Slogan ist (sehr) kurz, er macht neugierig, weckt konkrete Assoziationen und Emotionen. So  ist  die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich viele angesprochen fühlen, mehr wissen wollen oder den Slogan weitererzählen. Darunter ist all das subsumiert, für das du stehst und kämpfst - nicht kleinteilig, sondern maximal griffig.

 

Am überzeugendsten: „Berlin bezahlbar machen“ Drei Worte können so viel sagen - wenn es die richtigen sind. Die Linke zeigt, wie's geht: „Bezahlbares Berlin“ -  da fangen viele sofort an zu erzählen, wo es hapert:

Mieten, ÖPNV-Kosten, Kita undsoweiter. Betroffenheit und Emotionen sind garantiert. Jetzt zum dritten Wort des Slogans: „machen“. Es besagt nichts anderes als: Wir, die Berliner Linke, lösen dein Problem. 

"Berlin bezahlbar machen" - Worte sind untereinander, das erste Wort und das letzte in Rot, "bezahlbar" weiße Schrift auf Lila dazwischen

Auch gut: “Heimat ist für alle da." Kommt von den Linken in Sachsen-Anhalt. "Heimat", das kann Vieles bedeuten: Herkunft, die eigenen vier Wände, die örtliche Gemeinschaft, aber auch ein durch Dritte bedrohtes Umfeld: In allen Fällen ist der Begriff relevant und emotional besetzt. Das weiß auch die AfD. Doch die Linke dreht den Spieß um und gibt mit dem Zusatz „für alle“ das politische Versprechen einer offenen Gesellschaft.

"Heimat ist für alle da", kombiniert mit dem Namen der Spitzenkandidatin Eva van Angern, von der im Hintergrund ein bisschen zu sehen ist.

Nicht zu empfehlen: “Klare Kante Grün. Kommt aus Mecklenburg-Vorpommern von den Grünen, und ist doppelt zum Abgewöhnen:

Erstens bietet "klare Kante" kein Alleinstellungsmerkmal, sondern ist unter Parteien beliebig austauschbar. Zweitens ist der Spruch eine Binse, weil er für nichts Anderes als ehrlich, profiliert und durchsetzungsstark steht. Und das sollte man bei einer Partei als eigenen Anspruch zwingend erwarten. Wer es extra erwähnt, hat es wohl bitter nötig.

Auf dunkelgrünem Hintergrund mit hellgrüner Sonnenblume davor in hellgrün: "KLARE KANTE GRÜN."

2. Das beste Konzept

Worauf kommt es an? Nicht minder wichtig als Inhalte - und um die geht es in diesem Text ja nicht - ist deren Vermittlung: leicht zugänglich sollen sie sein sowie kurz, klar und konkret. So steigen die Chancen, nach der Wahl die Inhalte umzusetzen. Und lege dich möglichst oft fest. Das macht dich glaubwürdiger. Denn wer "nichts versprechen" will, kann später an nichts gemessen werden. Die Leute durchschauen das.

Am überzeugendsten: “Berlin-Versprechen" der SPD. Spitzenmann Steffen Krach macht es der AfD Mecklenburg-Vorpommern nach und gibt sich die populären 100 Tage, für elf Maßnahmen. Manche sind ganz konkret wie das Deutschland-Ticket umsonst im Ehrenamt, andere wie die Erhöhung der Studienplätze für Medizin sollten genauer sein. Pluspunkt: Leicht auf der Website zu finden und zu lesen.

 

Nicht so doll ist die Vermarktung des Berlin-Versprechens auf Social Media. Dafür wiederum gut gelöst ist die kompakte Zusammenfassung des Plans für die gesamte Legislatur in den "Standpunkten" auf der Website..

Mann, ca. 45, lachend in blauem Hemd, darüber Text "Mein Berlin-Versprechen", den man anklicken kann

 

Auch gut: “9 Punkte - Verbindlich für einen Politikwechsel“. Sprachlich ist die CDU Mecklenburg-Vorpommern da schon etwas umständlicher und die Vermarktung ist nicht so prominent.  Dafür sind die Ziele vorbildlich genau beschrieben:

100 neue Medizin-Studienplätze, 50 neue Stellen bei Staatsanwaltschaften und Gerichten usw. Noch besser wäre das Ganze mit einer zeitlichen Festlegung.

Website-Ausschnitt: CDU-Kopfzeile, darunter "9 Punkte - Verbindlich für einen Poiitik-Wechsel"

Nicht zu empfehlen: "Wir sind der Deich." Meint: SPD wählen, damit die AfD in Sachsen-Anhalt nicht an die Macht kommt. Aber warum ausgerechnet die SPD? Wer das herausfinden will, muss auf der Website dreimal scrollen, dreimal klicken und landet dann - beim Parteiprogramm. Nur als Download, über 30 Seiten Kleingedrucktes...

 

Linke Hälfte: rote Fläche mit Überschrift in Weiß: "Präambel". Rechte Hälfte: Überschrift "DU BIST DIE MITTE", dann viele Zeilen Fließtext.

3. Die beste Performance

Worauf kommt es an? Eine gute Performance ist Langstrecke. Du musst eine Erzählung von dir schaffen: Was ist dein großes Ziel? Wie willst du es erreichen? Was für ein Typ bist du? Und: Kann man dir vertrauen? Sei also nie umständlich, sondern klar und konkret. Verstehe, wie wichtig Emotionen sind - noch mehr allerdings: Glaubwürdigkeit und das nötige "Format", um ein ganzes Land zu führen. Du hast eine klare Social-Media-Strategie und weißt, was eine gute Story für die Presse ist. Nur so erreichst du Massen; der beste Straßenwahlkampf ersetzt das nicht.

Am überzeugendsten: Ulrich Siegmund. Die Erzählung des AfD-Spitzenkandidaten für Sachsen-Anhalt: "Holen wir uns...endlich unser altes Land, die guten alten Zeiten, zurück!" Das ist  auch seine Anfangsbotschaft auf Tiktok - Deutlichkeit ist immer gut. Überhaupt bedient Siegmund seine Erzählung mit großer Hartnäckigkeit. So tourt er mit seinen Anhängern auf ostdeutschen Simson-Kultmopeds durchs Land. Botschaft: Die gute alte Zeit ist greifbar - mit der AfD! Der Mann hat ein gutes Gespür für Situationen und Stimmungen, er ist nahbar, locker und schlagfertig, im "wahren Leben" wie auf Social Media - wo er Massen erreicht, wie niemand anders in diesem Wahlkampf.

Allerdings ist der Umgang mit Sachfragen manchmal arg  locker. Etwa die Bedeutung von Tierschutz für die AfD: 

 

Im vom Grundsatz her guten Frage-Antwort-Format auf Social Media genügt Siegmund hier der Verweis auf die beiden Katzen in seinem Rücken. Da fühlt man sich schnell nicht ernst genommen. Auch seine Unterstellung, vor allem links oder grün denkende Pflegekräfte würden die Briefwahl in Altenheimen  manipulieren, mag in der eigenen Blase gut ankommen - im gesamten Berufsstand aber vermutlich eher nicht. Die Frage, die Siegmund so unnötigerweise aufwirft: Ist er nur der Typ Sprücheklopfer oder ein Mann mit dem Format ein Land zu führen.

Ulrich Siegmund auf blauer Simson, lachend, hinter ihm ein Korso - alle tragen Helm.

Heimatgefühl pur auf Instagram - zum Bedauern der jüdischen Simson-Erben.

Auch gut: Manuela Schwesig. Ihre Erzählung ist ähnlich klar: "Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern zuerst." Dabei verläuft die wichtigste Konfliktlinie der SPD-Spitzenkandidatin nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen Land und Bund. Das jüngste Rentenpaket von CDU und SPD in Berlin? Wird nicht hinter vorgehaltener Hand bedauert, sondern sofort im Wahlkampf kritisiert - während bei der CDU im Osten noch Schockstarre herrscht. Anderes Beispiel: Michael Kretschmer, ihr CDU-Pendant in Sachsen, ist mehr Verbündeter als politischer Gegner. Beider Tenor beispielsweise im "Ost-Talk" ostdeutscher Tageszeitungen: Wir kennen den Alltag der Menschen hier und wissen was, sie  brauchen - die in Berlin aber eben nicht. Überhaupt stellt Schwesig immer wieder Alltagsthemen nach vorne: 

 

 

etwa die besondere Bedeutung hoher Spritpreise in einem Flächenstaat oder die Probleme bei Unterhaltszahlungen für Alleinerziehende. Eher wenig Raum bekommt konkrete Landespolitik. So muss auf Social Media länger scrollen, bis man etwa was zum Bau von Studentenwohnheimen oder zu Fahrkostenzuschüssen für junge Leute erfährt.

M.S. vor rotem Hintergrund, darüber Text: "Rente nach 45 Beitragsjahren erhalten!"

Rente ist keine Landespolitik, aber trifft den Nerv. Grund genug für Wahlkampf auf instagram.

Unterm Radar: Simone Oldenburg. Auch wenn man mit einer Website keine Massen mobilisiert -  sie ist eine Art gute Stube der Kommunikation: aufgeräumt und so eingerichtet, dass man gerne ein bisschen länger bleibt. Bei Simone Oldenburg, Spitzenfrau für die Linke in Mecklenburg-Vorpommern, wurde jedoch offenbar länger nicht gelüftet; die "neueste Meldung" datiert aus 2021. Nun gibt es unter dem Dach der Landespartei noch einen aktuelleren Auftritt, doch auch dort bekommen Interessierte kein klares Bild von dem, was die Linke und ihre Spitzenfrau vorben. Social Media? Ist in erster Linie eine Sammlung von Terminankündigungen. Und in die Presse schafft man es auch eher selten. Eine Erzählung, wie sie Ulrich Siegmund oder Manuela Schwesig kreiert haben? Nicht zu erkennen. Es bleibt der Eindruck, dass die man vor allem auf den allgemeinen Wahltrend setzt und auf den Wahlkampf vor Ort, zu der auch Prominenz aus Berlin kommt. Der ist ohne Frage wichtig für die Selbstvergewisserung der Basis und kann Unentschlossene vor Ort zu Linke-Fans machen. Doch dass am Wahltag viele im Land was über Simone Oldenburg  erzählen können, ist nicht zu erwarten.

Unter dem Schriftzug "DIE LINKE." Text mit Überschrift "Neueste Meldung" Weiter unten dann das Datum "8. November 2021"

Erster Treffer nach der Sucheingabe "simone oldenburg linke Website" auf Google.

Darf man die AfD so "hochjazzen"?

Die Partei sät Hass. Ist Zufluchtsort für Feinde unserer Verfassung. Und verspricht ein Retro-Paradies, das es laut Klima- und Wirtschaftsforschern nicht geben kann. Soll man also die AfD in jeder Hinsicht schlecht finden? Das wäre ein Fehler. Denn Eines kann sie richtig gut: den Umgang mit Wählerinnen und Wählern.

Mein Rat: Guck dir davon was ab.  Etwa:

Dauerbrenner-Themen: Illegal im Land lebende Menschen oder der Rundfunkbeitrag treffen den Nerv der AfD-Klientel. Also greift sie die Punkte  immer wieder auf. Langweilig wird das nicht - zumal nicht alles alle erreicht. Natürlich brauchst du andere Themen mit Dauerbrenner-Qualität. Hast du nicht? Dann ist das Teil deines Problems!

Konkrete Ziele prominent verkauft: Ob Genderverbot in Schulen oder Taser für die Polizei - die AfD (hier Mecklenburg-Vorpommern) sagt meist genau, was sie vorhat - und man muss es nicht im Kleingedruckten suchen.

Social Media professionell bespielen: Heißt, Menschen zu bewegen und berühren - statt umständlichen Geredes. Überhaupt: Auf dem ersten Bild beziehungsweise in der ersten Sekunde muss klar sein, um was es geht. Die AfD ist nicht nur so stark, weil sie Tiktok zuerst entdeckt hat, sondern weil sie die Regeln bessere als andere beherrscht. Vergleiche mal folgende beiden ersten Sätze, auf Tiktok aufgeschnappt am 22.8.: "Warum müssen wir klimaneutrales Kochen im Senegal finanzieren?" Und: "Über sieben Brücken musst du NICHT gehen."  Was kommt wohl von wem? Auflösung in den Quellenangaben.

Lachend mit verschränkten Armen in hellblauen Hemd an Wand lehnend

Ich heiße Detlef Flintz. Nach vielen Jahren in der ARD arbeite ich heute als politischer Berater. Mehr

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Quellennachweise

„Berlin bezahlbar machen“:

https://dielinke.berlin/start/

 

„Heimat ist für alle da“:

https://www.dielinke-sachsen-anhalt.de/aktuell-1/

 

„Klare Kante…“:

https://www.gruene-lsa.de/

 

„Berlin-Versprechen“:

https://spd.berlin/steffen-krach/berlin-versprechen/

 

SPD Berin: „Standpunkte“:

https://spd.berlin/standpunkte/

 

CDU Mecklenburg-Vorpommern: 9-Punkte-Plan:

https://cdu-mv.de/mvorne-verbindlich-fuer-einen-politikwechsel/

 

„Wir sind der Deich“:

https://spdsachsenanhalt.de/

 

Ulrich Siegmund auf instagram:

https://www.instagram.com/p/DbTvm8KRV1f/?hl=de

https://www.instagram.com/p/DbsowSIN47B/?hl=de

https://www.instagram.com/p/DcGKwVTtUss/?hl=de

 

Manuela Schwesig auf instagram:

https://www.instagram.com/p/Dbcv6n6DtEN/?hl=de&img_index=1

 

„Ost-Talk“:

https://www.saechsische.de/politik/regional/live-talk-mit-kretschmer-und-schwesig-im-video-was-braucht-der-osten-IKCNUPZPSVADBFVIPFZI7X3RR4.html

 

Auftritte von Simone Oldenburg und Die Linke Mecklenburg-Vorpommern:

https://www.simone-oldenburg.de/politik/aktuelles/

https://www.die-linke-mv.de/startseite/

https://www.instagram.com/simone.oldenburg/?hl=de

 

100-Tage-Programm der AfD Sachsen-Anhalt:

https://afd-lsa.de/wp-content/uploads/2026/07/100-Tage-Sofortprogramm.pdf

 

100-Tage-Programm der AfD Mecklenburg-Vorpommern:

https://afd-mv.de/wp-content/uploads/2026/05/100-Tage-8-seitig-Flyer-FINAL.pdf

 

„Klimaneutrales Kochen im Senegal“:

https://www.tiktok.com/@leiferikholm/video/7387455133459778849

 

„…sieben Brücken…“:

https://www.tiktok.com/@sven_schulze/photo/7676811804130938145

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