
Vermögenssteuer - ja oder nein?
Von Detlef Flintz
27.2.2025 (zuletzt aktualisiert am 9.2.2026). Anschlag auf die Leistungselite oder ein längst überfälliger Finanzierungsbeitrag der Reichen zum Gemeinwesen? Mit dem Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot ist die Vermögenssteuer nach der Bundestagswahl in der Versenkung verschwunden. Doch womöglich nicht für allzu lange. Erstens fehlt im Bundeshaushalt Geld an allen Ecken und Enden, zweitens hat sich nun auch bei der Union rumgesprochen, dass die Besitzschere immer weiter auseinander geht.
Warum überhaupt Steuern?
Beginnen wir ganz einfach: Polizei? Schulen? Straßen und Schienen? Alles ohne Steuern nicht denkbar. Ohne sie kein funktionierendes Gemeinwesen. Die Wissenschaft stellt dazu eine Reihe von Anforderungen an eine Steuer, unter anderem:
- Es versteht sich von selbst: Ein Staat sollte nur maßvoll Steuern erheben, also nicht mehr, als er wirklich benötigt.
- Sie muss gerecht sein und sich an dem orientieren, was die einzelne Person überhaupt leisten kann.
- Sie muss effektiv sein; Einnahmen und der Aufwand fürs Eintreiben müssen in einem vernünftigen Verhältnis stehen.
- Geringe Nebenwirkungen - eine Steuer sollte der Wirtschaft möglichst wenig schaden.
Hieran muss sich die Vermögenssteuer messen lassen. Sie wird üblicherweise mit einem kleinen Prozentsatz (z.B. 1%) bei besonders Vermögenden auf deren gesamten Besitz von Finanzwerten bis Firmen erhoben, abzüglich von Schulden. Gehen wir die einzelnen Anforderungen durch und starten wir mit der Steuerbelastung:
Wieviel Steuern zahlen wir schon?
Zu viel, werden viele sagen, und insbesondere die konservativen Parteien erwecken den Eindruck, dass die Wirtschaft immer schlimmer im Würgegriff des Staates steckt. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache:
Zwar steigen die Steuereinnahmen mehr oder weniger Jahr für Jahr, aber das bedeutet noch keine zunehmende Belastung von Bürgerinnen und Bürgern oder der Unternehmen. Denn Einkommen und Produktivität wachsen ebenfalls. Eine Kennziffer, die das berücksichtigt, ist die Steuerquote.
Sie setzt die Steuereinnahmen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (ein Maßstab für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft). Und diese Steuerquote ist in Deutschland seit über sechzig Jahren von leichten Schwankungen abgesehen unverändert: 23 Prozent.
Was fällt neben Steuern noch an?
Das sind die Sozialabgaben, etwa für Kranken- oder Rentenversicherung. Zusammen mit den Steuern bilden sie, wieder bezogen aufs Bruttoinlandsprodukt, die Abgabenquote. Und sie bestimmen, was einem Haushalt vom Brutto als Netto bleibt.
Und hier ist das Bild weniger rosig: Deutschland zählt mit über 40 Prozent im internationalen Vergleich zur Spitze, während Irland etwa gerade mal mit der Hälfte auskommt.
Auch sind die Abgaben - anders als die Steuern - in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Und es wird nicht besser: 2026 ist mit weiter steigenden Krankenkassen-Beiträgen zu rechnen.
Nicht also eine zu hohe Steuerlast, sondern aus dem Ruder laufende Sozialabgaben schränken unseren wirtschaftlichen Spielraum ein.
Da müsste man unbedingt ran. Denn wenn wir stattdessen dem Staat die Steuereinnahmen nehmen, gefährden wir wichtige Zukunftsinvestitionen, wie etwa in Sanierung und Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, in bessere Bildungsangebote oder in die Energiewende. Hinzu kommt: Unser Staat ist jetzt schon unterfinanziert. Siehe auch: Schuldenbremse lösen - ja oder nein?
Ist eine Vermögenssteuer gerecht?
Eine Vermögenssteuer muss in der Summe für die Bevölkerung keine extra Belastung sein. SPD, Grüne und Linke würden die Einführung einer Vermögenssteuer mit Steuerentlastungen insbesondere für Einkommensschwache verbinden. Begründung: Die Reichen werden immer reicher und die relative Steuerlast der anderen nimmt zu.
So besaßen laut Oxfam die rund 3000 Milliardärinnen und Milliardäre weltweit ein Vermögen von über 18 Billionen US-Dollar - inflationsbereinigter Anstieg seit 2020: mehr als achtzig Prozent. Deutschland ist in einer Statistik der Boston Consulting Group hinter den USA und China mit 3.300 Superreichen Dritter. Laut einer Studie der Uni Leipzig besitzt hier ein Prozent ein Viertel allen Vermögens. Der Sachverständigenrat konstatiert ebenfalls eine hohe Ungleichheit der Vermögen in Deutschland (im europäischen Vergleich) und möchte bei der Erbschaftssteuer ansetzen.
Die Multimillionäre zahlen hier aber nicht entsprechend Steuern. Nach einer aktuellen Studie ist die Belastung faktisch prozentual sogar niedriger als bei Menschen aus dem mittleren Einkommensbereich. Steuerprivilegien machen’s möglich. Seit kurzem bemängelt sogar Unionsfraktionschef Jens Spahn die ungerechte Vermögensverteilung.
Hinzu kommt, dass es bis 1997 eine Vermögenssteuer gab. Sie wurde vom Bundesverfassungsgerichts nur ausgesetzt. Das Gericht hatte moniert, die Immobilienbesitzer würden dank falscher Bewertungen zu wenig Steuern zahlen. Stattdessen zahlen sie gar nichts mehr…
Was bringt eine Vermögenssteuer?
Volle Punktzahl also für die Vermögenssteuer beim Check zur Gerechtigkeit. Nun zur Effektivität. Tatsächlich führen die Gegner einer solchen Steuer immer wieder die hohen Erhebungskosten ins Feld. Von 12.000 zusätzlichen Stellen in den Finanzbehörden war schon die Rede; das Ifo-Institut schätzt, dass 20 bis 30 Prozent der Einnahmen für die Verwaltung draufgehen würden.
Das schreckt ab. Letztlich hängt der Aufwand aber davon ab, wie man eine solche Steuer im Detail gestaltet. Würde sie sich nur an die Reichsten der Reichen richten - wie es etwa die Milliardärssteuer der Grünen vorsah - hätte man schon jede Menge Erhebungsaufwand gespart. Bei knapp 250 Milliardären wären das geschätzte fünf bis sechs Milliarden Euro Steuereinnahmen mehr, jährlich.
Andere denken viel größer: Eine Vermögenssteuer nach Schweizer Modell - ja, die Schweiz erhebt eine Vermögenssteuer - würde dem deutschen Staat jedes Jahr rund 70 Milliarden bringen.
Ein aktueller Vorschlag der Linken kommt sogar auf fast 150 Milliarden. Es hängt halt immer davon ab, wie die Besteuerung im Detail aussieht. Der Investitionsstau allein in den Kommunen ist jedenfalls inzwischen auf über 200 Milliarden Euro gewachsen.
Wie entwickelt sich die Wirtschaft?
Eine Volkswirtschaft ist ein Organismus und bei jedem Eingriff ist mit Nebenwirkungen zu rechnen. Muss beispielsweise ein Unternehmer mehr Steuern zahlen, kann oder will er womöglich weniger investieren. Eine direkte Wirkung der Steuer. Das Ifo-Institut kommt in einer Modellrechnung auf 0,3 bis 0,35 Prozentpunkte weniger an Wirtschaftswachstum.
Andererseits investiert der Staat ja das eingenommene Geld. Egal ob der damit Schulen saniert, die Digitalisierung vorantreibt oder die Stahlproduktion mit Wasserstoff fördert - diese indirekten Wirkungen bringen positive Wachstumseffekte.
Was am Ende überwiegt? Auch dazu gibt es Modellrechnungen. Eine besonders optimistische geht sogar von drei Prozent mehr Wachstum aus. Doch wie es mit Modellen so ist: Sie sind theoretisch, leben von ihren Annahmen und sind meist nicht untereinander vergleichbar. Auf den jüngsten Vorstoß der Linken für eine Vermögenssteuer hin haben jedenfalls das DIW und das Institut der deutschen Wirtschaft eher skeptisch reagiert.
Es ist allerdings wenig seriös, auf einem Auge blind zu sein und nur die negativen direkten Wirkungen dieser Steuer ins Feld zu führen.
Fazit: Der Nutzen einer Vermögenssteuer überwiegt
Erinnern wir uns an den Anfang des Checks - die Anforderungen an eine Steuer. Und wie gut erfüllt eine Vermögenssteuer nun diese?
- Maßvoll? Eine Vermögenssteuer, wie sie in Deutschlang noch im Bundestagswahlkampf gefordert wurde, wäre dies schon allein deshalb, weil es um Umverteilung und nicht um eine höhere Belastung der Bevölkerung insgesamt geht.
- Gerecht? Diese Umverteilungswirkung wäre das. Denn die Reichen ziehen sich immer mehr aus der Finanzierung unseres Gemeinwesens zurück.
- Effizient? Das hinge von der konkreten Ausgestaltung ab. Sich auf Milliardäre zu beschränken, wie dies etwa die Grünen vorhatten, wäre eine vielversprechender Ansatz; hier dürften Ertrag und Aufwand in einem besonders guten Verhältnis stehen.
- Nebenwirkungen? Damit ist zu rechnen. Allerdings wären diese komplex und es lässt sich nicht verlässlich sagen, ob so eine Steuer am Ende das Wachstum wirklich bremst oder vielleicht gar pusht.
Zwei klare Pluspunkte, gepaart mit gewissen Unsicherheiten bei Effizienz und Nebenwirkungen. Der Nutzen überwiegt und die Vermögenssteuer hätte eine Chance verdient. Zumal selbst die Anhänger der Union inzwischen mehrheitlich dafür sind.

Ich bin Detlef Flintz, Wirtschaftsjournalist, Dozent und Politikcoach. Ich finde, die politische Kommunikation ist oft so grausig, dass man sich nicht über verlorene Wahlen wundern muss. Mehr
Quellennachweise und mehr Lesestoff
Die Grundsätze für eine Besteuerung gehen auf das 18. Jahrhundert zurück (Adam Smith) und wurden insbesondere im vergangenen Jahrhundert von Heinz Haller (Finanzpolitik sowie Die Steuern, jeweils 1961) und Fritz Neumark (Grundsätze gerechter und ökonomisch rationaler Steuerpolitik, 1970) erweitert. Eine kompakte Zusammenfassung liefert: https://www.wirtschaftslexikon24.com/d/steuergrundsätze/steuergrundsätze.htm
Zur Steuerquote:
Zur Abgabenquote:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/gesundheitssystem-krankenkassenbeitraege-baas-100.html
Zur Vermögensverteilung:
https://www.bcg.com/press/10july2024-weltweites-nettovermogen-steigt-wieder-um-mehr-als-vier-prozent
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/spahn-vermoegensverteilung-100.html
https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/jahresgutachten-2025-pressemitteilung/kapitel-5.html
Zur Aussetzung der Vermögenssteuer:
https://www.diw.de/de/diw_01.c.412762.de/vermoegensteuer.html
Zum Erhebungsaufwand für eine Vermögenssteuer:
Zur Studie über die Übertragung des Schweizer Vermögenssteuer-Modells auf Deutschland hier eine kurze Zusammenfassung:
Zum Vorschlag der Linken für eine Vermögenssteuer:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/vermoegensteuer-linke-diw-100.html
Zum Deutschlandtrend zur Akzeptanz einer Vermögenssteuer: